Vereinsfest mit Frauen

 

Ich kehrte einst in einem Gasthof ein,

dort traf sich ein Hinterwäldlerverein.

Ich fragte den Wirt, ob ich stören würde:

´Geschlossene Gesellschaft´– man weiß ja nie.

Das sagte der Wirt: „Keineswegs, junge Frau!

Heut´ wird es gemütlich! Kommen Sie.

Der Verein begeht sein ´Vereinsfest mit Frauen´.   

Bleiben Sie hier, wenn Sie sich´s trauen.“

*

 

Die Wirtin warf ein: „Denn heut´ kommt die Nonne.“,

zischt mir dann heimlich und scharf ins Gesicht:

„Lassen Sie sich nicht in die Pfanne hauen!

So hinterwäldlerisch sind  Sie doch nicht.“

*

Ich dachte, na herrlich, da komm ich grad recht,

mir ging´s vor Erschöpfung schon ziemlich schlecht.

Nach dem Marsch durch den düsteren Hinterwald

hatt ich Hunger und Durst, und  mir war mir sehr kalt.

*

Heute kommt eine Nonne? Das will ich sehen:

Eine Himmelsbraut in der Kneipe stehen?

Fast neun. Die Männer schon ziemlich dicht.

Nun, mit der ´Nonne´ stimmt doch was nicht.

***

Ich war mir sehr schnell darüber im Klaren,

das hier fast alles nur Bauern waren.

Geschnürte Joppen mit Knöpfen aus Horn.

Die Hüte hängen an den Haken da vorn.

Derbe Hosen und Westen mit Uhrkette dran,

und wer auf sich hielt, hatte Stiefeln an.

*

Sie trugen noch die alte Bauerntracht.

Auch die Frauen hatten sich fein gemacht,

sich straff in Dirndl und Mieder gezwängt,

was noch so im alten Bauernschrank hängt.

Ihre Köpfe waren in feine Tücher gehüllt,

sehr aufgebauscht, dicht mit Haaren gefüllt.

So sahen sie wie niedliche Puppen aus,

doch kein einziges Härchen guckte heraus.

Ich hab mir keine Gedanken gemacht

über der Hinterwäldlerin Tracht.

*

Ein buntes Völkchen saß dort am Tisch,

die Hinterwäldler ganz unter sich.

Zum Abend ´mit Frauen´ fein hergerichtet

und immer der Tradition verpflichtet.

Wenn schon die Bauern ihre Frauen ´mitlassen´,

muss man Traditionen noch enger fassen.

So tragen zwar heute alle das Beste,

trotzdem riecht es schwer nach Mottenkiste.

*

Die Männer hatten ständig das Wort,

sie hatten ihr Bier und ihr Schnäpschen dabei.

Sie rauchten Zigarren oder ihr Pfeifchen,

erzählten sich Witze und sonst allerlei.

*

Die Frauen saßen am anderen Ende

und nippten zaghaft am Gläschen Wein,

verdünnten ihn aber mit reichlich Wasser.

Sonst würde er ihnen zu schädlich sein?

***

Ich saß vorn am Fenster, fern vom Geschehen,

ich aß und trank, ließ gut mir´s ergehen.

So ein Verein bleibt gern unter sich,

aber was dort passierte, entging mir nicht.

*

Wirtin und Wirt hingen müßig herum,

rückten die Gläser zum dritten Mal um.

Der Verein war versorgt bis oben hin,

kein Fremder sonst war in der Gaststube drin.

Sie taten, als hätten sie nichts zu tun.

Es fehlt die Nonne. Wann kommt sie nun?

*

Der Wirt rückt einen Stuhl zu mir ran:

„Gleich kommt die Nonne, das schau ich mir an.“

Er ruft seine Frau: „Hast du alles bereit?

Gleich kommt die Nonne, ´s ist höchste Zeit.

Setz´ dich mit her und hör es dir an.“

Die Frau zeigt ´nen Vogel: „Ich denke nicht dran.“

*

Vor dem Wirtshaus fährt leise ein Wagen vor.

Der Fahrer humpelt zur Beifahrertür

und hilft einer Nonne aus dem Auto heraus,

damit sie nicht die riesige Haube verlier´.

Die beiden sind ein erprobtes Team,

gekonnt zupft er ihr die Haube zurecht.

Er zeigt seine Uhr und sagt ihr etwas,

bestimmt, dass sie nicht so trödeln möcht´.

*

Ich habe natürlich, wie sich´s so fügt,

dies alles am Fenster mitgekriegt.

Inzwischen waren die Leute verstummt,

die Männer machten die Pfeifen aus,

und die Frauen, die eh nichts zu sagen hatten,

schauten bänglich unter den Tüchern heraus.

*

Die Nonne trat würdevoll in die Kneipe,

winkt retour, dass ihr Fahrer draußen bleibe,

mit der rechten Hand eifrig Kreuze schlagend,

in der linken Hand ihre Tasche tragend.

Der Vereinsvorsitzende holte sie ab, sehr beflissen,

hat die Tasche ihr fast aus der Hand gerissen,

trug sie kratzbuckelnd rückwärts über den Flur.

So ein Speichellecker, was soll das nur?

*

Der Wirt brachte Tee, sie lehnt erst mal ab.

Ihre Zeit wäre heute besonders knapp.

Auf einmal veränderte sich ihr Gesicht.

Auf den Schlag war ihr Antlitz die wahre Sonne,

voller Glanz und Güte, voller seliger Wonne.

Strahlend, gutmütig, lebendig und frisch,

ein himmlische Braut – wie königlich.

*

Sie plauderte, scherzte und machte was her:

„Wie lang sah ich euch, liebe Töchter nicht mehr?

Ein Jahr schon! Das hätte ich nicht gedacht.

Ihr habt euch prächtig herausgemacht!

Richtig fein seht ihr aus, meine guten Frauen,

eure kostbaren Tücher, wie hübsch zu schauen!“

*

Sie riet aber, sonst mit den Reizen zu geizen,

– nicht ohne ständig die Luft zu durchkreuzen –

und schon kam die Nonne richtig in Fahrt

und ihr Gesicht wurde böse und hart:

*

„Habt ihr eure Aufgaben fleißig gemacht?

Den Hausstand auf Vordermann stets gebracht?

Habt ihr euren Männern immer gedient?

Ihnen jeden Wunsch von den Augen gelesen?

Seid ihr bei der Arbeit immer die ersten

und bei der Ruhe die letzten gewesen?

Habt ihr euch dem Willen des Mannes gefügt

und beim Essen euch mit Resten begnügt?

Hieltet ihr immer den Kopf bedeckt?

Habt ihr kein Geld vor´m Gemahl versteckt?

Habt ihr stets eure Bälger gezüchtigt?

Deren Leiber durch Hunger und Kälte ertüchtigt?

War das Söhnchen ein störrischer Grobian?

Habt ihr es dann zum Kaplan getan?

Sind die Kinder auch schwach und klein,

sie müssen dem Kloster dienlich sein.

Spuren sie nicht, haut ihnen paar druff!

Uff.

Habt ihr die heilige Schrift gelesen

und sittsam und keusch euer Leben geführt?

Habt ihr nur züchtige Filme gesehen

und keine fremden Männer berührt?

Habt ihr im Kleinsten daran gezweifelt,

dass wahr ist, was in der Bibel steht?

Versündigt ihr euch mit Computerspielen

oder gar dem teuflischen Internet?

Habt ihr des Mannes Vermögen bewahrt

und nicht das Geld sogar breit gescharrt?

Habt ihr dem Mutterkloster gespendet

und noch etwas obendrauf gelegt?

Habt ihr fleißig die Sünden gebeichtet

und hat sich euer Gewissen geregt?

Beichten macht eure Sittlichkeit rein.

Fein.

Habt ihr die Gehirnwäsche nie versäumt?

Während der Predigt nicht rumgeträumt?

Habt ihr die Sakramente erhalten?

Regelmäßig, wie sich´s gehört?

Und habt doch hoffentlich nie den Gatten

mit euren dummen Problemen gestört?

Hieltet ihr euer loses Mundwerk im Zaum?

Habt ihr eure bösen Buben verhauen?

Habt ihr die Mädchen züchtig geführt,

dass sie kein schlimmer Finger berührt?

Verbietet ihr ihnen, tanzen zu gehen?

Schön.

Habt ihr eure Zeit zum Trödeln verwendet?

Garstige Wünsche dem Manne gesendet?

Habt ihr auch in der Gemeinde geschwiegen?

Stets den Kopf gesenkt, fromm und gediegen?

Habt ihr dem Kloster etwas spendiert

und stets eurem Mann die Stiefel poliert?

Habt ihr des Gatten Rute ertragen,

unterwürfig und ohne zu klagen?

Habt ihr dem Müßiggange gefröhnt?

Habt ihr euch gar nach Freizeit gesehnt?

Habt ihr sogar, was man so erzählt,

diese Satansbraten, die Blauen gewählt?

Tatet ihr, was der Gebieter gebietet?

Und oh,“ – sie schlägt sich entsetzt auf die Brust,

„ihr habt doch, ihr habt doch nicht –

ihr habt doch nicht etwa – verhütet?

Ihr wisst doch … (drucks-drucks, kreuz-kreuz,

schwitz-schwitz): Frankreichs Hauptstädter

verursachen Donner und Blitz.“

Uff. Schwitz.

***

Aber, Nonne! Das weiß doch nun jedes Kind,

dass Frankreichs Hauptstädter Pariser sind.

Hat sie vor Stress den Namen vergessen!

Sie müsste sich mal von der Haube lösen,

da kommt wieder Luft an die grauen Zellen,

doch das wäre bei ihr gar nicht vorzustellen.

*

Erschöpft tupft sie sich den Schweiß von der Stirn:

Hart ist der Dienst am weichen Gehirn.

Ich denke, jetzt hat sie die Frauen erwischt

und zusammengefaltet. Mehr kann sie nicht.

Aber wie man sich täuschen kann.

Die Nonne fängt nochmal auf´s Neue an:

*

„Habt ihr unziemlich und heftig geprasst?

Getrunken und nach Zigaretten gefasst?

Habt ihr beim Baden den Körper bedeckt,

die unzüchtigen Zonen auch gut versteckt?

Habt ihr des Mannes Vermögen gemehrt?

Habt ihr euren Söhnen den Rücken gestärkt,

für Kaiser und Kirche das Leben zu geben?

Habt euren Töchtern ihr beigebracht,

nicht vor der Ehe den Rock hochzuheben?

Trugt ihr die Kleider stets hochgeschlossen?

Habt ihr für´s Seelenheil Tränen vergossen?

Putztet ihr fleißig das Klosterhaus?

Und wie sieht´s mit sonstigen Lastern aus?

Meine Töchter, hütet euch vor dem Suff.

Uff.

Habt ihr bei jeder Intimität

die Augen sittsam zur Seite gedreht?

Habt ihr beim Koitus dem Gatten gedankt

und nie den Interruptio verlangt?

Ich hoffe, ihr wisst gar nicht, was das ist.

Trotzdem: Entziehen dürft ihr euch nicht.

Dies ständig zu dulden, ist höchste Pflicht.

Und fasst euch der Mann ein Jahr lang nicht an,

dann klagt nicht: Was Mann tut, ist recht getan.

Aber, habt ihr beim Beischlaf gar Lust verspürt,

dann hat euch der Satan wirklich verführt.

Dann hilft nur noch beten und fleißig kasteien,

dass solch schlimmste Sünden beseitigt seien.

Der Schmerz sei die höchste Ehre der Frau.

Au.

Und will euer Herr mal zur Dirne gehen,

so zeiget Verständnis und lasst es geschehen.

Strengt euch umso mehr beim Arbeiten an,

dass er sich die Dirne auch leisten kann.

Seid immer geduldig, lasst die Männer gewähren.

Die Frau ist nur da, um den Mann zu ehren.

Ach, eines hätte fast ich vergessen,

habt ihr Mutter Kloster auch viel vermacht?

Wenn nicht, dann habt ihr bei Mutter Kirche

euch selbst um Heil und Segen gebracht.“

Uff.

Jetzt war Frau Nonne erst einmal geschafft,

Kreuz schlagen, Tee trinken, wieder Kreuz schlagen.

Die arme Frau arbeitet bis zur Erschöpfung.

Wie muss sie sich hier im Hinterwald plagen.

*

Aber sie lächelt: “Ich mach es ja gern.

Ich tue das alles für meinen Herrn!“

***

Die Bauern lümmelten auf ihren Stühlen,

bräsig, breitbeinig, voller Genuss.

Es wurde mal wieder die höchste Zeit,

dass das Weibervolk jemand dämpfen muss.

Die Weiber müssen endlich kapieren,

mit Emanzenbewegung ist´s endgültig Schluss.

Wir erhalten auch künftig die Tradition!

Wir bestellen die Nonne, die macht das schon.

*

Sie schlürfen die Worte förmlich hinein,

sabbernd, herrisch, gierig, begehrlich.

Jedes Wort schließen sie im Gedächtnis ein,

ein Jahr ohne Nonne wird wieder beschwerlich.

Nach kurzer Zeit, wie´s ein jeder kennt,

sind die Weiber wieder sehr renitent.

*

Aber wie sitzen die Frauen da?

Steif wie Bretter, ich kann es nicht fassen.

Die Köpfe mit ihren Trachtentüchern

haben sie auf die Brust sinken lassen.

Sie senken die Augen beklommen hernieder,

als schämten sie sich ganz tief im Herzen.

Mir scheint es, einige weinen beinahe,

als hätten sie entsetzliche Schmerzen.

***

Die Nonne hat sich inzwischen gestärkt

am Tee – und den fiebrigen Männerblicken.

Sie sind jetzt verbündet und können gefahrlos

einen Blick in das Innere der Frauen schicken.

*

Oh, welche Abgründe tun sich da auf!

Die Nonne erzählt es genüsslich breit,

welche Gelüste und schlimmen Begierden

– auf Grund ihrer weichlichen Konstitution

und löchrigen Körperbeschaffenheit –

die Frau in die Arme des Satans treibt.

*

Frau ist nun mal Mannes Untertan,

eine Stellung, an der niemand kippeln kann.

Frau ist nun mal schuld am Sündenfall,

und giftige Schlange ist sie allemal.

Nur der blinde Gehorsam gegenüber dem Mann

ist´s, was vor Hölle und ewiger Verdammnis,

vielleicht – nur vielleicht! – sie noch retten kann.

*

Die Frauen sind immer tiefer geknickt:

„Zum Leiden seid ihr auf die Welt geschickt,

zum Dienen, zum Leiden und zum Gebären.

Tiere seid ihr, die dem Mann gehören.

Darum sollt ihr immer das Haar verstecken,

und stets eurem Herrn die Füße lecken.“

*

Die Frauen sind jetzt restlos zusammengesackt,

so derb hat die Nonne sie angepackt.

„Jetzt ist´s gut, mein Töchter!

Kommt in meine Arme,

auf dass ich euch segne und mich erbarme.

Kommt alle her, dass ich euch heile

und euch die Absolution erteile.“

*

Die Männer holen erst mal tief Luft,

mit glänzenden Augen und wässrigem Maul.

Sie fühlen sich plötzlich als wilder Hengst,

machtvoll und jung, stets auf dem Sprung,

und nicht als geschundener Ackergaul.

*

Gilt schon ein Bauer als letzter Dreck,

sein Weib zu beherrschen erfüllt einen Zweck!

Bestärkt es ihn doch in seiner Ehre,

dass er ein gar mächtiger Gutsherr wäre.

Als ob er etwas zu bestimmen hätte!

So spürt er nicht mehr die eigene Kette,

sein ärmliches Bauerngut zu verwalten!

So kann man Knechte bei Laune halten.

*

Alle Arbeitstiere sind derart zu lenken,

dass sie nie ihre wahre Lage bedenken.

 Ist auch der Unterschied noch so klein –

eine Rang- und Hackordnung, die  muss sein.

*

Die Nonne zupft jetzt eine Frau am Ärmel,

diese erhebt sich, steif und verklemmt,

und schreitet hinter der Nonne her

ins hintere düstere Etablissement.

*

Nach zehn Minuten ist sie wieder da,

sie kommt zurück, nicht mehr geknickt.

Sie wirkt sogar seltsam gestärkt.

Was doch eine Absolution bewirkt.

Dann kommt die Zweite gleich an die Reihe,

die Nächste wird zügig hinein geschickt.

Nach gut einer Stunde sind alle durch.

Die Nonne kommt raus: „Es fehlen noch zweie.“

*

Herausfordernd schaut sie in meine Ecke,

dort sitzt der Wirt und grinst und lacht:

„Meine Frau ist nicht Mitglied in eurem Verein,

die hat noch nie so was mitgemacht.“

*

Die Nonne bekreuzigt sich voller Entsetzen:

„Dann wird sie in Kürze der Teufel zerfetzen.“

Der Wirt winkt ab, geht zum Tresen sodann.

Ich ahne es, jetzt bin ich selber dran.

„Und du, meine Tochter, ich sah dich noch nie.

Du trägst keine Tracht. Verschmähest du sie?

Eine neue Seele im Hinterwald?

Komm meine Tochter, lass dich umarmen,

sonst stellt dir das Böse ´nen Hinterhalt.

Ich will über dich mich gnädig erbarmen.“

*

„Ich bin hier nur Gast, das geht mich nichts an.

Ihr Zinnober lässt mich so was von kalt.

Ehrlich, ich habe schon manches gehört,

aber so etwas nie: Sie sind doch gestört.“

*

„Oh Herr, vergib dieser schlimmen Person,

sonst ist die tiefste Hölle ihr Lohn!“

*

Ich lache: „Wo kann´s eine tiefere Hölle geben,

als hier bei den Hinterwäldlern zu leben?

Die fromme Frau Nonne! Ich bin perplex.

Den ganzen Abend ging es um Sex.

Dazu Kindesmisshandlung, Geld und Gewalt.

Sie sind doch so was von durchgeknallt!

Lassen Sie´s nicht den Staatsanwalt hören,

was alles Ihre Vorschriften wären.

Und hören Sie auf mit dem Kreuzeschlagen!

Wer kann denn dieses Gehampel ertragen.“

*

Dann murmle ich noch in meiner Ecke,

so laut, dass es noch jeder hören muss:

„Hier wohnen tatsächlich Hinterwäldler!

Ihr habt doch alle ´nen Sockenschuss.“

*

„Das, meine Tochter wirst du bereuen.“

*

„Ihre Tochter möcht´ ich schon gar nicht sein.

Dann wüsst´ ich doch gleich, wer mein Vater wär:

Der – am Auto dort draußen – mit Humpelbein.

Der steht sich schon lange den Huf in den Bauch.

Und rauchen, ja rauchen tut´s bei dem auch.

Bei ihm qualmt es mächtig, das halt´ einer aus!

Der Rauch kommt ihm schon zu den Hörnern raus.

Sie sollten sich jetzt schnell im Auto verstecken

und kriechend ihm Fuß und Huf ablecken.“

*

Die Nonne droht mit funkelndem Blick,

rauscht aus der Tür und kommt nicht mehr zurück.

Hat bis rüber zum Auto noch Kreuze geschlagen,

und keiner hat ihre Tasche getragen.

Das Blendwerk anfangs auf ihrem Gesicht,

war lange verflogen, da blieb kein Licht.

 

 ***

So hab ich, das war äußerst unerhört,

das ´Vereinsfest mit Frauen´ – ziemlich gestört.

Der Wirt aber lachte und schenkte neu ein,

sogar die Frau Wirtin kam wieder herein.

*

Die Männer aber waren  gehörig sauer,

so eine gottlose Weibsperson!

So eine dahergelaufene Schlampe!

In Hosen und Stiefeln, der zeigen wir´s schon.

Die Frauen blieben sprachlos wie immer,

die schienen wie gehirnamputiert.

Nie sah ich Frauen, so still-beklommen

so eingeschüchtert und distanziert.

*

Was haben die Männer den Frauen getan?

Und was hat die Nonne mit ihnen gemacht?

Ich will und muss dieses Rätsel noch lösen,

eher fahr ich nicht heim in der dunklen Nacht.

*

Ich schaute mir ihre Gesichter an,

normal, jung und alt, von der Sonne gebräunt,

nichts Besonderes, was man da finden kann.

Alles da: derb, grazil, energisch, verträumt.

Doch alle hatten den gleichen Blick,

wie ein innewohnender ständiger Schmerz.

Sie lachten auch nie oder alberten rum.

Sie saßen an ihren Tischen ganz stumm.

Auch die Männer gingen nicht aus sich raus.

Sie tobten sich wohl bei der ´Dirne´ aus.

*

Das ´Vereinsfest mit Frauen´ war sehr unterkühlt.

Ich fragte mich wieder: Was wird hier gespielt?

Hier hat sich irgendwas zugetragen.

Ich muss mal eine der Frauen fragen.

*

Ich fragte die Wirtin, was dies hier bedeute.

„Sind die Hinterwäldler immer so still?“

„Nun, wenn die Männer alleine tagen,

geht es niemals ohne Spaß und Gebrüll.

Aber heute ist doch Vereinsfest mit Frauen,

da werden sich die Männer nicht trauen.“

*

Der Wirt sagt mir auch nicht, was Sache ist

und was er zu den stummen Frauen meine.

Er schaut hinüber zum Wäldlerverein:

„Meine Frau ist – Gott sei Dank, nicht so eine.“

***

Da habe ich doch eine gute Idee,

wie ich unauffällig dort rüber geh.

Ich bestell´ eine Runde für´s ganze Lokal,

damit lern´ ich sie kennen, dann schauen wir mal.

Den Frauen ´nen Wein, den Männern ein Bier,

doch den Wein ich den Frauen selber servier´.

*

Die Männer waren darauf mit mir versöhnt.

Hatten sich wohl an Hose und Stiefeln gewöhnt.

Und für die Frauen nahm ich mir Zeit,

meine Neugier kriegt so schnell keiner breit –

und diesmal blieb der Wein unverdünnt,

denn ich wollt´, dass sie locker und fröhlich sind.

*

Ich fand sogar noch ein kleines Plätzchen

neben einer der schüchternen jungen Frauen.

und ich hatte mich nicht getäuscht,

das Mädel begann langsam aufzutauen.

Ich  fragte, warum sie so schweigsam sei.

„Sie sehen es doch, mein Mann ist dabei.“

*

Ich wusste nicht, was sie damit meinte:

„Aber, das ist doch ganz einerlei!

Du kannst doch reden, mit wem du willst,

und wie lange – und wo – du bist doch frei!“

Sie schüttelt den Kopf:

„Ich kann´s eben nicht. Du hast doch gehört:

Das Weib muss in der Gemeinde schweigen.“

*

Oh, wie kann sich jemand zu so was versteigen?

Ich konnte die Antwort gar nicht erfassen.

Worauf habe ich mich hier eingelassen.

„Sag mal, bist du irre? Oder schlägt dich dein Mann?“

*

Sie schüttelt den Kopf und flüstert: „Oh nein,

mein Mann hat mir nie etwas Böses getan.“

*

„Aber sage, meine Liebe, was ist es dann?

Liegt´s an deiner komischen Trachtengruppe?

Diesem wunderlich-schrulligen Jodlerverein?

Warum müsst ihr alle so schweigsam sein?

Warum kann von euch keine lachen und scherzen?

Sag mir, was habt ihr auf eurem Herzen?“

*

„Wir könnten´s schon, aber bitte versteh:

Es tut so weh.“

*

Der jungen Frau tat wirklich viel weh.

Sie schien ganz seltsame Schmerzen zu haben.

Die Schmerzen hatten im jungen Gesicht

schon viele bittere Spuren gegraben.

*

„Wo tut es weh und wieso und warum?

Lachen und scherzen bringt doch keinen um!

Fröhlichkeit sorgt ganz für´s Gegenteil:

Sie bringt Gesundheit und Seelenheil!“

*

„Geh nicht mit uns Frauen so hart ins Gericht.“

Dabei sah ich Tränen in ihren Augen.

Sie redet sich raus, aber antwortet nicht.

Und immer mal wieder so eine Bewegung,

wie ein heftiger, kurzer Schmerz im Gesicht.

Auf einmal kam mir ein böser Verdacht:

“Was hat die Nonne mit euch gemacht?“

*

„Die Nonne hilft uns, wo sie nur kann.

Sie segnet uns und schaut die Wunden an.“

Die junge Frau schwieg und blockte gleich ab.

Sie hatte wohl schon zu viel gesagt.

*

„Die Wunden?“

Die junge Frau konnte nur noch nicken

und nicht einmal mehr die Tränen verdrücken.

Ich fasste sie fest an beiden Armen.

„Es ist das Tuch deiner Tracht, nicht wahr?

Ist es dein Kopf? Ist es dein Haar?

Meine Kleine, dann weißt du jetzt, was ich tu.“

*

Die Leute im Raum waren still geworden,

doch keiner schaute uns wirklich zu.

Sie starrten zu Boden und auf den Tisch,

diesen Anblick ertragen wollten sie nicht.

Ich nahm behutsam ihr Kopftuch herunter.

Sie hatte Schichten Verbandszeug drunter.

Von Haarpracht war da gar nichts zu sehen.

Doch als ich noch das Verbandszeug abnahm,

blieb mir vor Schreck das Herz fast stehen.

*

Den ganzen Kopf voller Lockenwickler,

blutig, vereitert, völlig verkrustet,

teils in den Schädel hinein gepresst,

uralte Kompressen, völlig durchnässt.

Wer immer ihr dieses hier angetan hat,

er hat sein entsetzliches Ziel erreicht:

Wohl an die zwanzig der Folterrollen

waren ihr regelrecht eingefleischt.

*

Das Vereinsgeheimnis! Man glaubt es nicht.

Doch einmal kommt schließlich alles ans Licht.

Die Bauern guckten grimmig, betreten:

Bei welcher Gräueltat hatte ich sie ertappt!

Und wären die Frauen sich nicht einig gewesen,

hätten mich diese Bauerntrampel geschnappt.

*

Wie haben die armen Frauen gelitten.

Und dann bin ich mutig zur Tat geschritten:

„Das ist doch abscheulich. Ihr wisst, was ich tu.“

Die Frau mit den Wunden sagte: „Nur zu.“

*

Die Wirtin hat mir eine Schere gebracht

und ich habe mich darüber hergemacht.

Ich fragte sie nochmal: „Wer hat das getan?“

Eine Antwort zu geben, genierte sie sich.

Da sagte ich ihr geradewegs ins Gesicht:

*

„Ich weiß, meine Liebe, das war nicht die Nonne.

Und auch keine Freundin, auch nicht dein Mann.

Das war nicht der Teufel und auch kein Friseur.

Diese Qualen kommen weit tiefer her:

Du hast es dir selber angetan.“

*

Sie nickte. Die andern Frauen nickten auch.

„Seit Urzeiten ist das bei uns so Brauch.“

*

Sie hatten sich´s selber beigebracht.

Da wusst´ ich, das wird eine lange Nacht.

Jetzt wusst´  ich, ich würde heut´ durcharbeiten

und muss diesen Frauen viel Schmerzen bereiten.

Schon standen sie in einer Reihe an

und eine kam nach der anderen dran.

Sie haben die Zähne zusammengebissen,

dann wurde geschnippelt und weggeschmissen.

Herausgedreht mit kurzem Ruck,

ein kurzes ´Au´, ein heftiger Schrei,

ein leises Wimmern, ein tiefes Stöhnen,

dann war es vollzogen und ihr Kopf wieder frei.

*

Die Männer wollten sich still verziehen. 

Ich brüllte sie an: „Ihr schaut da hin!

Wirt, sperr sie ein und lass keinen raus!

Sonst sieht´s nächstes Jahr genauso aus!

Die Männer sollen das ruhig betrachten,

bevor sie wieder die Nonne anschmachten.

*

Ihr habt nicht umsonst die Nonne bestellt!

Die brauchtet ihr, eure Frauen zu knechten,

sie zu demütigen und sie niederzumachen,

zu entwürdigen und total zu entrechten!

Die Tradition wolltet stets ihr bewahren:

Denn die Nonne berief euch zu großen Cäsaren,

zu mächtigen Kaisern und Potentaten.

Doch für Götter wart ihr zu kurz geraten.

*

´Vereinsfest mit Frauen´– was für ein Skandal!

Die Wickel festziehen! Jedes Jahr einmal!

Traditionsbewusst in der festlichen Tracht!

Euch hat die Nonne zu Teufeln gemacht!“

***

Der Vereinsvorsitzende hat unterdessen

die Tasche der Nonne nach vorne geholt,

 kramt allerhand Salbendosen hervor,

die man zur Heilung verwenden sollt´.

Verbandszeug war drinnen, Tinkturen und Watte,

Tuben, Kompressen, Klammern, Pinzetten.

Hätt´ schon die Nonne die Flucht ergriffen,

so müsst´ man die kostbaren Salben doch retten.

*

Ich rief zum Wirt: „Schmeiß das Ding ins Feuer!

Die Nonne war doch dieses Ungeheuer.

Erst bringt sie die armen Frauen dahin,

sich solchen Torturen zu unterziehen,

sich aus freien Stücken selbst zu verletzen,

dann will sie sie heilen mit Quacksalberei

und sich noch an ihren Schmerzen ergötzen.

*

Wäre die Nonne echt gewesen,

würde sie ihnen die Klammern lösen.

Oh nein, sie musste sie stets bestärken

in ihren Selbstverstümmelungswerken.

Komm, Wirt – rasch alles ins Feuer getan,

aber fasse es nur mit ´ner Kneifzange an!

Fort damit! Alles ins Feuer schmeißen!

Damit ist der Nonne nichts nachzuweisen.“

*

Der Wirt hat die Tasche sofort verbrannt,

die Wirtin ging mir freiwillig zur Hand,

Das war eine schwierige Prozedur,

und was wir sahen, empörte uns nur.

*

„Der Nonne müsst´ man das Haar rausreißen,

doch wie gesagt, ´s ist nichts nachzuweisen.

Sie hat die Wickler nicht angebracht,

das haben die Frauen selber gemacht.“

*

„Aber sie hat die Frauen dahin gelenkt.

Sie hat sie verängstigt und hat sie bedrängt.

Sie hat ihnen ihren Willen genommen,

und hat ihnen stets mit der Hölle gedroht.

So wurden die Frauen willenlos

und die Männer grobschlächtig, dumm, verroht.

Männer und Frauen hat sie entzweit,

zu subtiler Feindschaft für alle Zeit.

*

Sie hat alle regelrecht eingewickelt!

Die Frau sei stets schön und sehr tugendsam.

Die Hälfte Wahrheit, die Hälfte Lüge –

und das ganze System fing zu stinken an.“

*

„Ich kenne die Nonne.“, sagt die Wirtin,

„Und weil ich sie kenne, hör ich nicht hin.

Wie gut, dass ich nicht in der Kirche bin.

Ihr ´Kreuze schlagen´ war nicht zu ertragen:

Wie eine Furie, kann ich nur sagen.

Den Männern hat das natürlich gefallen.

Sie wurden von ihr zu Despoten gekürt.

Die Liebe wurde von ihr verteufelt

und die Frauen wie Leibeigene vorgeführt:

´Fügt euch ins weibliche Rollenbild!

Seid von Furcht und Gehorsam erfüllt!

Seid Untertan eurer Obrigkeit!

Seid schwach und willenlos alle Zeit.

Rutscht auf die Knien, opfert euch auf´.“

*

Sie wandte sich zu den armen Frauen:

„Schaut mich mal an: Ich pfeife darauf!

Stets sorgte die Nonne, dass sich alle bekriegen.

Frauen und Kinder mussten sich fügen,

Doch ihre eigenen Schweinereien

mit ihrem Humpel-Galan dort draußen,

die hat sie verschwiegen.

*

Sie hat euch fürchterlich eingewickelt:

´Ihr braucht keinen eigenen Willen mehr,

Frauen sind sowieso minderwertig.

Jedes Jahr einmal die Wickel straffziehen,

und danach wieder ein lang Jahr leiden,

und die innere Zerstörung ist fix und fertig.“

*

Der Wirt kam hinzu, hatte Wasser gebracht:

„Krank, bitter und schwach hat sie euch gemacht.

Ihr hättet euch wegen ihr umgebracht.

Eure dümmlichen Hanswürste, liebe Frauen,

würd´ ich mir jetzt sehr genau anschauen.

Keine einzige Frau hat es sich verdient,

dass sie so einen Simpel aus Hinterwald nimmt.

Haltet nie wieder die Köpfe so tief!

Als Mann sag ich euch: Ihr seid sehr attraktiv.“

*

Das machte den Frauen ein wenig Mut.

Ich tröstete sie:„Alles wird wieder gut.

Die Nonne hat diese ´Sünden´ erfunden

und euch damit Schlechtigkeit eingehämmert.

Sie hat euch wahrlich das Rückgrat gebrochen,

und stumpfsinnig seid ihr dahingedämmert.

Stets arbeitet ihr nur ´Gebote´ ab,

die Frau Nonne in reichlicher Fülle euch gab.

Ihr sagtet nicht einmal: So ein Stuss!

Nein, ihr schlugt weinend euch auf die Brust,

weil ja so eine Sünderin sterben muss.

Aber gleich sind all eure Wickel raus,

dann sieht das Leben gleich freundlicher aus.“

*

Die Wirtin sprach: „Ich wusste Bescheid,

dass bei den Hinterwäldlern etwas nicht stimmt.

Aber was es war, konnt´ ich nicht sagen,

hab´ das dumme Gelaber sowieso nie ertragen.

Aber dass dies so schlimme Formen annimmt!

Immer noch mehr Torturen und Leid,

noch viel mehr Qualen und Einsamkeit,

und noch mehr Strenge und Hartherzigkeit

gegen euch, eure Kinder und fremde Leut´.

Mir ist erst allmählich aufgefallen,

dass ihr stiller wurdet von Jahr zu Jahr.

Und nie legtet ihr eure Kopftücher ab.

Das war tatsächlich sehr sonderbar.

*

Frau Nonne wusst´ ganz genau, was sie tat.

Stets holte sie sich bei dem Teufel Rat.

Hauptsache, den Überblick stets behalten

und die Hinterwäldler wie Tiere verwalten.

Über´s Teilen und Herrschen, oh, wie gemein,

konnten Nonne und Teufel stets Sieger sein.“

*

Die Wirtin versorgte notdürftig die Wunden.

Wie grausig hatten sich die Frauen geschunden.

Die äußeren Blessuren würden verheilen,

doch die inneren Schmerzen? Würden sie bleiben?

*

„Die wachsen wieder.“, hört´ die Wirtin ich sagen,

als die Reste der Haare am Boden lagen.

Die Haare, Symbole weiblicher Kraft,

weiblicher Fruchtbarkeit, Schönheit und Macht.

Die Nonne hatte die Frauen um mehr

als nur ihre schönen Haare gebracht.

*

So macht´s Mutter Kirche: Tief schlägt sie die Wunden,

an denen die Menschen nur schwer gesunden.

Menschen wirklich zu heilen, da liegt ihr nichts dran.

Sie muss die Leute fortdauernd martern,

damit sie sie besser scheinheiligen kann.

 

Ahnenfreundin

1995

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