Gänseblümchen im Mund

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Da hat sich´s doch einmal zugetragen,

(ziemlich kurz vor den letzten Tagen),

im kleinen Kuhdörfchen Niederhain

(das müsste im Altenburgischen sein),

also da hing ein Zettel im Kasten,

wo sonst die Pläne der Müllabfuhr hingen,

und darauf hatte ein Engel geschrieben,

jetzt wär´s bald vorbei mit irdischen Dingen!

Denn der liebe Gott mache nun alles frisch.

Und noch etwas stand auf dem kleinen Wisch.

Dass nämlich jeder Probleme bekäme,

der dies auf die leichte Schulter nähme.

Vorher darf aber jeder entscheiden,

welcher Zukunftsweg der ihm passende sei.

Antwort A: wird er im Herzen finden.

Antwort B: er will an die Welt ihn binden.

Und bei einer möglichen Antwort C,

wird jeder sehen, wie es weiter geh.

Was soll das bedeuten? C? B? Und gar A?

Man würde ja gerne sein Kreuzchen machen,

doch die Fragen dazu? Die standen nicht da.

Es fielen auch keinem die Fragen ein.

Die waren einfach vergessen: Zettel zu klein.

´Aber´– stand da – ´seid trotzdem froh,

denn der liebe Gott, der ist gar nicht so.

Er mache erst mal einen Probelauf,

will schauen, wie sieht´s auf der Erde so aus.

Die Dinge laufen dort sehr aus dem Ruder.

Dort herrscht zu lange der ´große Bruder´,

der Weltenlord, der König der Welt,

der´s Weltenreich völlig in Finsternis hält.

***

Des Herren Blick schweifte über die Erde,

wo denn mal endlich ein Lichtlein wäre.

Und siehe da, tief in Niederhain,

sollte ein kleines zu finden sein.

Zwar winzig klein, aber immerhin.

Es leuchtete stetig im gleichen Sinn.

Anderswo gab es nur Flackerei.

Manch Licht ging an, dann war´s wieder vorbei.

Hat mal der Weltenlord bisschen gehustet,

war jedes Licht sogleich ausgepustet.

So war jede Stadt, oh das ist bitter,

ein unaufhörliches Blitzlichtgewitter.

 

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Da meinte der Herr, das hilft alles nichts,

der Probelauf muss überschaubar sein

und entsandte den Engel für Demographie

zu statistischen Zwecken nach Niederhain.

„Nach Niederhain? Dort ist der Hund begraben.

Kann ich nicht besser Oberhof haben?

Du weißt, dass mir Niederhain gar nicht passt,

dort ist doch die stinkige Schweinemast.“

*

„Hast du mal Oberhof angeschaut?

Dort kannst du keine Statistik machen!

Über Kurorten flackert es ganz besonders,

im Urlaub lassen´s die Leute krachen.

Das können die meinetwegen auch haben,

sind´s ganze Jahr über in Arbeit begraben.

Hilft alles nichts, Engel, das muss so sein.

Basta. Du fliegst nach Niederhain.

Und Engel, mache nicht soviel Wind,

nicht, dass die Leute dann aufgeregt sind.

Am besten, rollst wie ein Amtsschimmel ein

und verzichte auf jeden heiligen Schein.“

***

So hing dann der Zettel da über Nacht.

Keiner wußte, wer ihn dort angebracht.

Ein Engel des Herrn will die Seelen zählen,

die noch zu begeistern und offen sind.

Wenn möglich, sollte dort keiner fehlen.

Es könnte sich jeder kurz anschauen lassen,

also stelle sich ein – Mann, Frau und Kind.

 

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Im Endeffekt ging es ums ewige Leben.

Weitere Auskünfte würd´ es nicht geben.

Aber wer das geheime Zeichen kennt,

wird zur Weiterausbildung angenommen.

Der wird gewiss zu den Seligen zählen.

den wird der Herrgott als Sieger erwählen,

die anderen können später kommen.

Hätte wer keine Zeit und käme nicht hin,

wäre das aber auch nicht schlimm.

Am letzten Tag sieht es dann anders aus,

doch heute ist es nur Probelauf.

Also heute um drei am Feuerwehrhaus.

Dies alles halte man möglichst geheim,

sonst stellt sich der ganze Landkreis noch ein.

Und – es wär eine Sache, die gar nichts kost´.

Und schon lief sie rund, die stille Post.

*

Das ist das Schöne in Niederhain,

auf die stille Post kann Verlass noch sein.

Man muss etwas für geheim erklären,

damit alle schnell informieret wären.

So war das Ganze gar kein Problem,

um eins sah man schon Vereinzelte stehen,

um diesen Schwachsinn sich anzuschauen,

denn wer sollte so einem Zettel trauen?

Man hielt sich aber ziemlich bedeckt,

man weiß ja nie, was dahinter steckt.

Es gibt ja seit langem viele Gerüchte.

Es wär nun vorbei mit der Weltgeschichte.

Irgend etwas schien dran zu sein,

doch was ist Besonderes an Niederhain?

*

Die Leute wirkten etwas nervös

und haben sich alle bisschen geschämt.

Die ganze Stimmung war ziemlich gedrückt.

Hoffentlich werde ich günstig erwähnt

vom Berichterstatter beim obersten Herrn.

Das ewige Leben, ich hätt´ es schon gern.

Aber, das ist jetzt so schnell gegangen,

wer weiß, was hier so dahintersteckt.

Bestimmt wieder so eine Endzeitsekte,

die fürchterlich die Leute erschreckt.

So gingen die Meinungen hin und her,

denn keiner wollte sich wirklich blamieren.

Aber – man spürte den Ernst dahinter –

und schließlich, was hätte man zu verlieren?

*

Es ist um zwei, viel tut sich nicht.

Hat denn keiner Interesse am Endgericht?

Der Platz vorm Gerätehaus ist noch frei,

doch am Rand stehen genügend Gaffer dabei.

Sie machen sich lustig, reden und lachen.

Was Leute sich für Illusionen machen!

Das ewige Leben! Was für ein Schmuh.

Abgekratzt und dann Deckel zu.

Paar Handwerker kommen, paar Leute vom Feld,

doch immer schön an die Seite gestellt.

Der Schäfer kommt mit dem Auto vorbei,

hat hinten drin seine Hunde dabei,

steigt aus, denn hier scheint was los zu sein.

Die Kinder vom Schulbus stellen sich ein.

Sogar paar Frauen von der Schweinemast

haben sich heute ein Herz gefasst.

Und schaut, eine Abordnung gar von der Stadt.

Man fragt, wer´s dem Stadtrat geflüstert hat.

Dort die Zeugen Jehovas, die beiden Alten.

Da konnte wohl jemand den Mund nicht halten?

Die hat nicht der Himmel hierhergeführt.

Ein Sympathisant hat schnell telefoniert.

Sie kommen sehr selig, sind nah am Geschehen.

Wie freundlich wird uns der Engel ansehen.

Vor Gott sind die Menschen zwar alle gleich,

doch wir Zeugen regieren bald das Königreich.

Wir haben uns soviel Mühe gemacht,

unser Einsatz bleibt sicher nicht unbedacht.

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Der Pfarrer fährt vor, schließt die Kirche auf.

Die liegt der Feuerwehr gegenüber,

fünf Meter nur den Hügel hinauf.

Die Gläubigen kommen mit raschen Schritten,

schnell vorher in der Kirche beten und bitten.

Fast alle kommen, die Kirche wird voll,

denn keiner fühlt sich sonderlich wohl.

Die Kirchenführung hat´s auch vernommen.

Heimlich sind sehr hohe Priester gekommen.

Aber die halten sich lieber bedeckt,

gehören sie doch nicht zu Niederhain.

Zuviel Fromme im Kuhdorf fällt wirklich auf,

auch wollen sie nicht gerne begutachtet sein.

Wie peinlich wär´s, wenn beim Seelenzählen

in ihren Seelen noch Punkte fehlen.

Da wär es gleich aus mit dem Renommee.

Ob dann noch einer zur Kirche geh?

*

Die Gemeinde tritt raus, schaut sich ernst an.

Was wir tun konnten, das ist getan.

Oh ja, wir sind alle arme Sünder,

doch fest im Glauben, das wird uns bewahren.

Der Engel wird uns nicht niedermachen.

Oder müssen wir nun den Zorn Gottes erfahren?

 

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Die Kinder am Platz können´s kaum erwarten,

bis endlich der Engel vom Himmel schwebt.

die Mädchen haben sich fein gemacht

und leichten Lidschatten aufgelegt.

Die Lippen glänzend, die Haare gekämmt.

Ob man so den Engel bezaubern könnt?

Was war das für eine Schwärmerei,

wie süß und sexy so´n Engel sei.

Natürlich wollt´ jede die Schönste sein.

Der Traum jedes Mädchens: Ein Engel fliegt ein.

 

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Die Jungen hingegen waren überzeugt,

dass gleich ein Ufo vom Himmel steigt,

das wäre endlich die Sensation,

morgen wüsste die ganze Schule davon.

Der Engel würde sie nicht interessieren,

doch ´nen Blick ins Ufo würden gern sie probieren.

Und ist der Engel dazu noch gut drauf –

ein kleiner Rundflug? Fällt doch nicht auf.

Und die Feuerwehrkinder von Niederhain

würden nie mehr die doofen Trottel sein.

Die Jungen meinten nun felsenfest,

einen herrlich glänzenden Alien zu sehen.

Denn wirkliche Engel gibt´s doch nicht.

Wer lässt sich solchen Schwachsinn andrehen?

***

Nun muss er doch kommen, es ist bald drei.

Von der Wiese dort drüben dringet Geschrei.

Das ist der Wäldner, seinen Harem dabei.

Der trommelt seit heute früh wie verrückt,

hat auch ihm der Engel Botschaft geschickt?

Der Heide! Soll´s Trommeln mal nicht übertreiben,

sonst kriegt er Saures, dann lässt er´s bleiben.

Mit drei Weibern haust er in seiner Hütte.

In einem Nest, und er in der Mitte.

Man fragt sich schon lange, wovon die leben.

Solches Gesindel darf´s doch nicht geben.

*

Inzwischen sind alle Mütter gekommen,

natürlich die lieben Kleinen dabei.

Sie schieben die Wagen glücklich zur Mitte,

wohl wissend, dass Baby selbst Engel sei.

Sogar die Renate kommt noch mit der Anna,

ganz aufgelöst, das Kind an der Hand.

Anna ist sieben und schwer behindert,

mongoloid und mit wenig Verstand.

Natürlich will Anna den Engel sehen,

aber leider ist Anna selbst das Problem.

 

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Unheilbar, schwach, naiv und verwirrt,

die immer die Eltern nun brauchen wird.

Noch ist Anna klein, beschützt und geborgen,

doch die Eltern machen sich tiefe Sorgen.

Wer soviel Schmerz hat und so ein Problem,

will auf alle Fälle den Engel sehen.

Vielleicht kann der Engel die Anna heilen.

Oder muss Seelchen ewig im Dunklen verweilen?

***

Na, so was, jetzt ist es fast halb vier,

inzwischen stehen ganz viele Leute hier.

Ein dunkler Wagen kommt um die Kurve,

scheint etwas zu suchen, dann hält er an.

Heraus steigt ein unscheinbar älterer Mann.

Soll dieser ein Engel sein? Das hab ich gern.

Na, wenigstens fährt er ´nen Wagen mit Stern.

So wollen wir´s haben, wenn man uns erlöst:

Pannensicher und standesgemäß.

***

Der Pfarrer eilt hin, will den Engel begrüßen.

Ganz aufgeregt fällt er fast ihm zu Füßen,

das ist schließlich ein Bote von seinem Herrn.

Und direkter Kontakt liegt da eher fern.

Er weiß nicht, wie er ihn ansprechen soll.

Engel? Herr Engel? Heiliger Herr?

Er merkt zwar, dass er der Engel ist,

doch Etikette passt nicht hierher.

*

„Sag einfach ´Engel´ und bloß kein Sie!

Und wehe, jemand rutscht auf die Knie.

Und – entschuldigt bitte, ich komme spät.

Mein Navi ist etwas durchgedreht.

Und bloß keine Rede, Robert. Klar?

Schone die Stimme für´s kommende Jahr.“

*

Robert? Das ist doch gar nicht mein Name.

Und fährt Auto mit Navigationsgerät?

Jetzt weiß der Pfarrer gar nicht mehr weiter,

um´s Haar, da wäre er durchgedreht.

Die um ihn stehen, fangen an zu lachen.

Will der uns hier zum Affen machen?

Von hinten brüllt eine Männerstimme:

„Das ist doch ein abgekartetes Spiel!

Ihr veranstaltet hier einen Budenzauber,

weil keiner mehr in die Kirchen will.“

Der Engel schaut hin mit festem Blick.

Da muss wohl ein Funke geflogen sein.

Der Rufer vergisst seine weitere Rede,

schaut etwas verwirrt und irgendwie – klein.

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Der Engel schreitet die Reihen ab,

schaut sanft und freundlich in jedes Gesicht.

Doch ob einer besteht oder nicht besteht?

Das sagt er nicht.

Sein Blick zeigt Ruhe und Freundlichkeit.

Er bewältigt die Menge in kürzester Zeit,

schaut auch mal kurz zur Wiese hinüber,

wo die vier Wäldner sich wild verrenken,

wollen wohl mit ausgefeilter Magie

die Blicke des Engels zu sich lenken.

Dann geht er weiter ins Lager der Christen,

ein jeder lächelt, so gut er kann,

doch selbst die Christen sind noch bedrückt,

man sieht ihnen wenig Hoffnung an.

Glauben war schön, alles war so weit weg!

Nun steht hier ein Engel, du lieber Schreck.

*

Mit den Zeugen Jehovas gibt´s ein Problem,

sie sind gekommen, um mitzugehen.

Einen Engel zu treffen, gibt es nicht oft.

Wenigstens ein Lob haben sie sich erhofft.

Noch strahlten beide vor Seligkeit,

und haben – wie immer – ihr Büchlein dabei.

Wie Sieger gehen sie auf den Engel los,

weil nun endlich Matthäus am Letzten sei.

Gleich ist Enttäuschung in ihrem Gesicht,

denn dieser Engel erhebt sie nicht:

Was – klar – an der Falschheit des Engels liegt,

der zurück in die Reihe sie wieder verfügt.

Sie warten schon längst auf´s jüngste Gericht.

Bloß: Der Engel versteht die Bibel nicht!

Es liegt am Engel, der hat keine Ahnung!

Weil: Jehova hat die korrektere Planung.

Über Jehova könnte sie keiner belehren,

weil sie demnächst vor dessen Throne wären.

Bald stiege Jehova ureigenst herab

und holt die beiden persönlich ab.

Sie erschlagen den Engel mit Bibelsprüchen,

aber genervt ist der Engel ihnen entwichen.

***

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Der liebe Engel geht unbeirrt weiter,

er kennt die Menschen jeglicher Art,

haben alle so ihre Ecken und Kanten,

und keinem bleibt der prüfende Blick

ins eigene fremde Gesicht erspart.

Der Engel schaut kurz die Runde ab,

erhebt seine Arme zum freundlichen Segen,

nickt Pfarrer Robert noch einmal zu

und will sich wieder zum Auto bewegen.

Er scheint doch ziemlich enttäuscht zu sein

und hatte für keinen ein lösendes Wort.

Da fährt er mühselig nach Niederhain,

weil´s angeblich hier ein Lichtlein gäbe,

und dann kann er hier kein Lichtlein finden.

Das Lichtlein ist fort.

*

Die Leute sind eigentlich nicht betroffen.

Worauf sollten sie auch warten und hoffen?

Nur die Renate ist außer sich.

Sie findet die kleine Anna nicht.

Hier kommt nun die Hoffnung

für die Heilung der Welt

und sie hat ihr Kind nicht mal vorgestellt.

Sie ruft verzweifelt, schaut in die Runde,

war ganz fasziniert, den Engel zu sehen

und achtete dabei nicht auf ihre Kleine.

Oh Himmel, wie konnte das nur geschehen?

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„Warte, Engel! Noch eine Minute.

Du musst dir bitte die Anna anschauen.“

Aber Klein-Anna ist nirgends zu finden,

nicht auf dem Platz, nicht hinterm Zaun.

Jetzt kriegt die Mutti wirklich ´nen Schreck:

Anna ist weg.

***

Zum Glück sieht der Engel den kleinen Wicht.

Sie hockt hinterm Auto und rührt sich nicht.

Das heißt, sie tut das, was sie immer tut.

Sie spielt vor sich hin: Die Welt ist gut.

Die Welt ist perfekt, die Welt ist heil.

Beweise ihr einer das Gegenteil.

Sie rupft kleine Blümchen und kaut daran,

sie spielt bevorzugt mit Stöckchen und Steinen.

Sie plappert und knuddelt ihr kleines Schäfchen.

Hat sie ihr Kuscheltier, muss sie nicht weinen.

Dazwischen kommt öfters ein kleines Schläfchen.

Irgendwo liegt sie dann, schwer zu finden.

So ist die Anna – nicht leicht zu hüten,

ihre kleine Seele ist niemals zu binden.

Sie liebt die Hühner, die Katzen und Hunde,

ist mit aller Natur in friedvollem Bunde,

strahlt jeden an in Arglosigkeit.

Doch passt dieses in die heutige Zeit?

Führt weise Gespräche mit Pflanzen und Tieren,

dabei hört sie das Rufen der Mami kaum,

als müsste sie wach werden aus einem Traum.

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Jetzt ist großes Aufatmen!

Anna ist hier.

Renate, erleichtert, rennt gleich hinzu,

auch dem Herrn Pfarrer lässt´s keine Ruh.

Und Anna, noch immer versunken im Spiel,

verziert Engels Auto mit viel Gefühl.

Mit ihren Steinchen, so gut sie kann,

bringt sie auf dem Lack kleine Muster an.

Anna ist klein, hat noch nicht viel Kraft,

doch hat sie Beträchtliches schon geschafft.

Renate und der Pfarrer sind völlig erschüttert.

Von so einem Schaden ist jeder verbittert.

Doch schaue sich einer den Engel an!

Der strahlt plötzlich, wie er nur strahlen kann!

Er nimmt klein Anna auf seinen Arm,

sein Blick wird so strahlend, so weich und warm:

„Da war meine Reise doch nicht vergebens!

Hier habt ihr es doch, euer Licht des Lebens!

Ich meinte, in Niederhain ist nichts zu machen,

dabei verbergt ihr die schönsten Sachen.

Klein-Anna schmiegt sich an den Engel an,

wie sich Engel an Engel nur schmiegen kann.

Sie sprechen stumm und verstehen sich.

Oh nein, dumm ist Klein-Anna nicht.

Man sieht es an beider Mienenspiel.

Sie redet nicht, aber sie sagt ihm viel.

Sie schlingt die Ärmchen um seinen Hals,

und selbst der Engel schaut selig drein.

Wann können schon mal ein Erdenengel

und ein Himmelsengel

vor hunderten Augen ungestört sein?

Sie wischt noch ihr Näschen am Engel ab,

und spuckt ihm bisschen die Jacke voll,

aber den Engel freut´s wie verrückt:

 

„Du bist das Licht,

das ich suchen soll!“

Renate wollt´ ihm das Kind abnehmen,

wie oft musst´ sie sich ums Kindlein schämen.

Wie komisch schaute manch Fremder drein:

´Müssen denn solche Kinder sein?

Da muss man doch vorher schon etwas machen.

s´gibt Pillen, Abtreibung und solche Sachen.´

Die Leute haben´s nicht ausgesprochen,

aber die Eltern haben´s gerochen.

Da war sehr viel Heuchelei im Spiel.

Behinderte Menschen gelten nicht viel.

*

Der Engel, fast schon auf den Rückweg  zum Himmel,

geht mit Anna im Arm noch mal zurück.

Jetzt drängten die Leute dichter zu ihm,

doch weniger Anna galt aller Blick,

als viel mehr der Miene vom heiligen Wesen,

denn das Auto mit Stern ist sehr teuer gewesen.

Das ist doch ´ne Finte, so liebreich zu strahlen,

denn irgendwer muss die Lackierung bezahlen.

Und schon hat ihn einer der Leute gefragt,

was er denn zu seinem Auto sagt.

Das ist doch ein sehr beträchtlicher Schaden,

wer hat das nun eigentlich auszubaden?

*

Engel zuckt mit den Schultern:

„Das Ding werfe ich wech.

Was ist so´n Vehikel? Nichts als Blech.“

Die Lippen der Leute werden schmal.

Es ist dieser Engel nicht normal.

Den Wagen könnt´ er uns Armen spenden!

Verkaufen, das Geld nach Afrika senden!

***

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Stattdessen hat ihn die Anna erwischt.

Anna geht zu jedem, das weiß er bloß nicht.

Anna ist eben so, und oft ist´s fatal,

wie sie ganz fremde Leute anstrahlt.

Denn Anna ist schwer wieder loszukriegen.

Du liebst sie nicht, aber dich will sie lieben.

Anna liebt alles

bedingungslos.

Sie klettert ungefragt dir auf den Schoß.

Meist hängt an der Nase ein Tröpfchen dran.

Verklebte Äuglein himmeln dich an.

Und wenn sie zu jemand Vertrauen gewinnt,

sie gleich ihren Schatz aus dem Munde nimmt.

Bonbons, Kekse, Blümchen –

alles stopft sie dir rein.

Doch es muss schon im Munde gewesen sein.

Sie liebt dich, auch du sollst so glücklich sein.

Und ist mal gar nichts im Munde drin,

mit ihrem Fingerchen kriegt sie´s schon hin.

Ihre Krankheit fällt gar nicht so ins Gewicht,

doch der Mensch erträgt Annas Liebe nicht.

***

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Paar Leute gucken jetzt sehr betreten.

Der Engel sieht erste Masken sich lösen.

Doch darunter sind die Gesichter vermauert.

Zu lange hat die Verbannung gedauert.

Zu lange sind alle im Finstern gewesen.

Aber – es ist schon Nachdenken drin.

Immerhin.

Der alte Tischler fasst sich ein Herz:

„Herr Engel“, sagt er.

„Begreif unsern Schmerz.

Wir fühlen´s, wir sind nicht angenommen.

Sag, warum bist du nicht früher gekommen?

Seit sieben Jahren ist Anna da.

Jeder nur mitleidig auf sie sah.

Warum hast du Anna jetzt erst entdeckt?

Wer konnte ahnen, dass Licht in ihr steckt?

Jetzt sagst du uns, Anna wäre das Licht?

Entschuldige, wir verstehen das nicht.

 

Wie soll das sein?

Ohne jeden Verstand?

Wie nähm sie ihr Leben

je in die Hand?

Was du hier erzählst, ist doch beispiellos!

Du wärst ein Engel? Das sagst du bloß.

Die Anna hat kaum einen eigenen Willen.

Wie könnte ein lichter Geist sie füllen?

Oh, Engel, zum Spotten ist keine Zeit,

du sahst nie der Eltern bitteres Leid.

Die armen Eltern. Man hat sie bedauert

und – frage die Mutter – oft böse belauert.

Eltern entwickeln ein feines Gespür.

Sie sind anerkannt. Anna ächten wir.

Und treten die Eltern mit Anna auf,

vor stolzen Seelen, ist´s ein Spießrutenlauf.

Schau, Engel, für die Familie ist´s schlimm.

Sie leben nicht ewig, wer schaut dann hin?

Anna steht niemals auf eigenen Füßen.

Schlimm für Eltern, dieses zu wissen.

Das blockiert ganz mächtig die Lebensfreude.

Alles muss passen. So ist das heute.

 

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Herr Engel, das wirst auch du verstehen,

so ein Kind ist nicht als Glücksfall zu sehen.

Und die Eltern, das weiß ganz Niederhain

haben sich größte Mühe gegeben.

Sie taten alles, wirklich alles.

Und sie sind nicht reif für´s ewige Leben?“

*

„Ich wiederhole es noch einmal,

damit es der Hinterste hören kann.

Klein-Anna ist euer einziges Licht,

doch ihr seht es nicht und stört euch daran.

Anna ist schwach, Anna ist klein,

doch das einzige Licht ist´s in Niederhain.“

*

Anna, noch immer auf Engels Arm

pusselte ihm jetzt am Auge herum.

Aber das schien ihn wenig zu stören.

Er nahm dem Mädelchen gar nichts krumm.

Der Mutti wurde es langsam heiß:

Hoffentlich hat die Anna nicht eingepullt.

Das war plötzlich so dunkel auf Engels Jacke,

aber Engel haben halt Engelsgeduld.

***

Eine Frau hob ihr Kind aus dem Kinderwagen

und hat´s durch die Leute zum Engel getragen.

 

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„Engel! Schau diesem Kind in die Augen!

Siehst du einen Schimmer von Dunkelheit?

Auch dies ist ein kleiner unschuldiger Engel

und nicht behindert, was mächtig uns freut.

Warum nimmst du Anna und unseres nicht?

Engel, wir hören. Nun äußere dich.

Schau sie dir an, die betrübten Mütter!

Wie dein ganzes Gehabe sie runterdrückt.

In uns allen, Engel, lebt noch die Liebe,

nun ja, sie ist ein bisschen geknickt.

Ich sage dir, was du nicht gerne hörst:

Ob du unserem Leben gewachsen wärst?“

*

Die Leute kamen jetzt mächtig in Fahrt.

Der macht Niederhain nieder! Oh, der ist hart!

Der ist ein Begutachter schlimmster Sorte.

Dabei kam der Engel nicht mal zu Worte.

In der Menge murrte es, leise, gedämpft.

Eine ältere Frau aus der Christenschar

hatte zum Engel sich durchgekämpft:

„Herr Engel, wir begreifen´s doch alle nicht.

Die Anna nimmst du – und uns nimmst du nicht?

Ich will hier nicht für mich selber reden,

ich rede hier für all diese Leute.

Wenn Behinderung dein Kriterium ist,

wird der Übergang allen zur größten Pleite.

Wenn´s die Christen nicht schaffen,

na, wer denn dann?

Seit Jahrhunderten glauben wir Christen daran.

Doch wir dachten, das wäre noch nicht soweit.

Wer rechnet so schnell mit Unsterblichkeit?“

 

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Der Pfarrer stellt sich vor seine Gemeinde:

„Ich bin gern bereit, für diese zu bürgen.

Bitte, rette zumindest die Frommen,

dann werden bald alle zur Kirche kommen.“

*

Der Engel wimmelt die Bittenden ab:

„Das reicht nicht, was ich gesehen hab.

Hier auf dem Platz ist alles noch B.

Und wer nicht erschienen ist, steht bei C.

Außer bei Anna fand ich kein A.

Doch gebt eure Herzenssuche nicht auf.

Das ist doch heute nur Probelauf.“

*

Ein Opa drängt mit dem Enkel nach vorn,

rot im Gesicht, entrüstet vor Zorn:

„Du hast uns ja nicht mal Fragen gestellt!

Was kann man schon A, B und C entnehmen!

Natürlich wollen wir alle das Leben,

das ist unsere Welt, da leben wir drin!

Wer malt schon auf so einem heiklen A

im blinden Vertrauen sein Kreuzchen hin?

´A´ meint wahrscheinlich das ewige Leben,

doch dafür muss man sein Altes hergeben.

Engel, schlage dir das A aus dem Sinn.

Wir stecken doch alle im Leben drin.

Vorfristig sterben? Das muss nicht sein.

Zu schön lebt sich´s hier in Niederhain.

Gut, das ist heute Probelauf,

aber wie sähe es in der Praxis aus?

Hätten wir nun alle A gesagt,

würde irdisches Leben dem Leib entweichen.

Also, was wäre das Resultat?

Es lägen überall Berge von Leichen!

Nein, Engel, das wirst du nicht erleben,

dass sich hier welche ins ´A´ begeben!“

*

Ganz hinten hört man´Schwachsinn´ und ´Buh.´

Ein Hoher Beamter tritt nun hinzu,

der saß ganz verborgen im Auto der Stadt,

wo kein Fremder doch hier was zu suchen hat.

„Herr Engel“, druckst er und windet sich.

„Ihr Auftritt, Herr Engel, verbietet sich.

Sie machen – ganz ohne Genehmigung

und unbefugt – diese Menschen verrückt.

Wir müssen dieses sofort unterbinden,

sonst wird der Ordnungsdienst hergeschickt.

Hier gibt es ein saftiges Strafverfahren,

vom Versammlungsgebot einmal abgesehen.

Hier ist nichts genehmigt, das mag noch gehen.

Aber! Hört man genauer hin:

steckt hier der Aufruf zum Selbstmord drin!

Sie wollen den Menschen ans irdische Leben!

Die sollen sich in Ihren ´Himmel´ begeben!

Herr Engel, eins haben Sie nicht bedacht:

Diese Sache wird länger schon überwacht.

Bisher war Ihnen nichts nachzuweisen,

doch das hier, ihr komisches A B C – !“

er wedelt mit Engels Zettel herum:

„Ich verspreche, das tut Ihnen noch weh.“

Den Engel bringt niemand aus seiner Ruh´:

„Schicken Sie mir Ihre Vorladung zu.“

„Geben Sie bitte Ihre Papiere,

Name, Adresse, Führerschein.“

 

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Der Engel, noch immer Klein-Anna im Arm,

schaut jetzt doch etwas komisch drein:

Er sucht, ob er etwas im Anzug findet,

krempelt die Hosentaschen noch raus,

doch alles leer, auch nichts verschmutzt,

ein neuer Anzug,  ganz unbenutzt.

Nichts weist den Engel als Engel aus.

„Na bitte!“  Der Hohe kann triumphieren:

„Da werd´ ich mal eben telefonieren.

Das sieht nicht gerade gut für Sie aus.

Und wo Sie wohnen, das kriegen wir raus.“

*

Der gute Pfarrer ist tief beschämt,

wie peinlich ihm dieser Auftritt wär.

„Entschuldigung, Engel, wer konnte das ahnen,

jetzt schickt man sogar den Verfassungsschutz her.“

Die Frau von den Christen hat etwas geweint.

Was für ein entsetzlicher Probelauf.

Jeder fällt durch! Nichts ist in Ordnung!

Wie sieht dann erst die Premiere aus?

Können wir gar keine Hoffnung hegen?

Bei der Premiere geht´s allen an´s Leben.

„Engel, bleib hier und schaue uns an:

Ob man an uns noch was ändern kann?

Wir lieben doch Gott und lieben das Leben!

Kläre uns auf! Um der Kinder willen,

gern wollen wir doch die Gebote erfüllen.

Bleiben nicht mal die Kinder verschont?“

Von hinten ruft einer: „Wir sind´s doch gewohnt.

Lass ihn abfliegen, Friedl! Gehen wir heim.

Ich ahnte, dies alles ist großer Schwindel.

Es muss für immer gestorben sein.“

*

Renate tritt nochmal zum Engel heran.

Blass und schockiert, völlig verwirrt.

„Engel, dann mach meine Anna gesund!

Damit bleibt sie mit uns im Sterbeverbund.

Wir müssen sterben und sie muss bleiben?

Du kannst uns nicht auseinandertreiben!

Die Anna kann nicht ohne uns überleben.

Es muss eine bessere Lösung geben!“

*

Der ältere Tischler tritt wieder hinzu:

„Herr Engel, nun erkläre uns du,

was nun die echten Bedingungen wären.

Ewig zu leben, gefiel mir nicht schlecht,

die ganze Welt ich noch sehen möcht´.

Wir wären heute noch an der Planung,

gerade bei uns hier in Niederhain.

Wir halten zusammen. Du hast keine Ahnung!

Du glaubst nicht, wie wir uns des Lebens freuen.

Es gibt auch mal hier und da bisschen Streit,

und doch sind wir friedliche, fleißige Leut´.

Frage die Leute, was die dazu sagen!

Sag, wie kannst du vom Tod

uns ins Leben uns tragen?“

*

Die Frauen vom Stall sind nicht zu erschüttern.

„Quatscht mal weiter, wir müssen jetzt füttern.

Reinhardt, gib´s auf, dann wär´s doch vorbei

mit deiner gut gehenden Sargtischlerei.“

Gleich lacht und grölt die ganze Runde,

welch humorvolles Wort aus ehrlichem Munde.

Au weia, wir wollen uns besser benehmen,

dass dem Engel nicht dumme Gedanken kämen.

Wir haben die Sache schon ernst genommen,

sonst wären nicht so viele hergekommen.

Selbst der Engel schmunzelt und Anna strahlt.

Mit dem Fingerchen sie jetzt den Engel bemalt.

Ihr Zünglein schleckert an Engels Wange.

Ihre Ärmchen nehmen ihn in die Zange.

Ihr Blümchen im Mund hat sie rausgetan,

weil sonst sie den Engel nicht abschlecken kann.

„Also, Engel, was ist es?“

Der schaut in die Runde:

„Das Gänseblümchen in Annas Munde.“

 

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Anna hört ´Blümchen´ und stopfts wieder rein.

Ohne Blümchen im Mund?

Kann´s nicht Anna sein.

Anna hat immer Blümchen dabei.

All ihre Taschen sind stets voll Heu.

Voller Steinchen und Würmchen,

Blätter und Schnecken,

um immer etwas in´s Mündchen zu stecken.

Der Engel schaut auf Anna ganz liebevoll:

„Dies Zeichen der Demut kennet Gott wohl.“

Auf all eure Werke schauet er nicht

und all eure Sünden sind weggewischt.

Doch eure Demut

das Recht zerbricht.

Wer freiwillig

allen Hochmut verdampft,

den trägt Gott hinüber,

ganz zart und sanft.

Es wird künftig keinen

Tod für ihn geben.

Dann hat er wirklich

das ewige Leben.“

Die Leute waren jetzt wieder ganz still.

Das ist es also, was Gott von uns will?

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Die jungen Mütter haben´s begriffen

und sofort Gänseblümchen gepflückt.

Denn Gänseblümchen, gibt´s überall,

vom Herrgott persönlich zur Erde geschickt.

Sie stopften ein Blümchen, sauber und klein

den Babys neben den Nuppis hinein.

Der Engel ging hin, sah die Muttis an:

„Meinst ihr, dass es so gehen kann?“

Was tun diese Babys, so zart und klein,

dürfen sie nicht bei den Eltern sein?

Unmündige Kinder sind immer rein.“

Die Mütter hatten zuerst verstanden,

sie nähmen die Kinder mit in den Tod,

es würde allein an den Eltern liegen,

ob Abendgrauen oder Morgenrot.

Die Mamis nahmen die Blümchen zurück,

legten sie selbst sich zwischen die Lippen.

Bisschen komisch sah das schon aus:

Wer es sieht, wird an den Kopf sich tippen.

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Bei Anna allein war die Sache klar:

Da fehlte allein noch der Eltern JA.

Anna war immer im Himmel geblieben,

nichts Unreines konnte ihr Sein betrüben.

Anna war Himmel, war pures Sein,

und zog, die sie liebte, mit hinein.

Anna war selbst so ein kleiner Stern,

ein Himmelsblümchen vom Himmelsherrn.

Sie zöge die Eltern zum Himmel hinüber,

denn die wollten – trotz der Behinderung –

nimmer und nie ohne Anna sein.

Und demütig wurden sie obendrein.

Bei den Christen – mal wieder die Frauen voran,

hatte inzwischen sich auch was getan.

Sie hatten sich ganz tief gebückt

und jede Menge Blümchen gepflückt.

So gingen sie nun immer zwei und zweie

inständig, ernst auf den Engel zu,

dass ihnen der heilige Himmelsbote

die Blümchen zwischen die Lippen tu.

 

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Der Engel sprach: „Das darf nicht sein.

Ich griff in den freien Willen sonst ein.

Tut es nicht aus Routine

oder nichtigen Gründen.

Tief im Selbst muss jeder

die Einsicht finden.

Erst wenn ihr Sehnsucht nach Gott verspürt,

und euch geprüfet habt hin und her,

ob´s wirklich euch tiefster Herzenswunsch wär,

dann erkennt ihr, wie Gott euch selber führt.

In diesem Geschehen, sehet es ein,

sind Gott und Mensch vollkommen allein.“

Überschlaft´s noch mal, was ihr wirklich wollt.

Ein Gänseblümchen ist schnell geholt.

Überdenkt die Geschichte vom Nadelöhr.

So müsst ihr werden,

ganz rein und leer.

Glauben, Vertrauen, Hoffnung und Liebe.

Ich kenne euch alle, es ist euch nicht fremd.

Nur damit allein und sonst mit Nichts

das Nadelöhr ihr durchdringen könnt.

 

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Und vergesst nicht das Gänseblümchen im Mund

als Zeichen der völligen Offenheit,

als Zeichen der Demut und Gotteshingabe,

dann trägt Gott euch über die Grenzen der Zeit.

Mit Blümchen kann keiner schreien und brüllen,

sein Stiel saugt heraus euren Eigenwillen,

es erinnert euch ständig an euer Ziel,

es gibt euch ein heiteres, sichres Gefühl.

Es nimmt euch die Furcht wie von Zauberhand.

Seid frei und geht in der Liebe Land.

Beurteilt nicht eure Schwächen und Stärken.

Trauert nicht nach euren Plänen und Werken.

All euern Besitz, Diplome, Vermögen

sollt ihr ohne Bedauern nieder legen.

Alles werft in die Arme der Liebe hinein,

dann werdet ihr frei und unsterblich sein.

Sorget euch nicht wegen all eurer Pflichten,

vertrauet vollkommen, Gott wird alles richten.

Das winzige Blümchen, der gelb-weiße Stern

wird euch Eingangspforte zum Himmel des Herrn.

***

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Er gab nun Renate ihr Kind zurück,

Klein-Anna strahlte mit seligem Blick

und stopfte ihr Blümchen in Mamis Mund.

Wie schien die Anna gleich froh und gesund.

„Hab Dank, lieber Engel.“, sprach Renate zufrieden,

„Meine Anna hat eben etwas entschieden.“

Zum Abschied hob Engel noch einmal die Arme,

segnete alle, auch die an den Rändern.

Nun würde sich manches in Niederhain ändern.

Dem Pfarrer gab er zum Abschied die Hand:

„Wirke nun, Robert, im Dienst unseres Herrn.

Nun strömen die Menschen von nah und fern

wieder in deine alte Kirche hinein.

Du wirst all die Wunder kaum noch erfassen,

nichts wird mehr so wir früher sein.

Entscheide dich bald: Wagst du den Sprung?

Willst du leben, unsterblich und ewig jung?

Oder sterben wie diese Roberts dort drinnen?

Es sei denn, sie würden bald selber springen.

Dann kriegen auch sie wieder ihre Namen,

obwohl sie mit dunkler Absicht herkamen.“

Der Engel wies hinüber zur Sakristei:

Hinter den Scheiben lauerten drei.

Sie hatten sich nicht herausgewagt,

gerne hätt´ er auch ihnen paar Worte gesagt.

*

„Engel, ich muss dich noch etwas fragen.

Du hast mich einfach so Robert genannt?

Erst habe ich an eine Verwechslung geglaubt.

Ich heiße nicht Robert, sei es erlaubt.

Jetzt nennst du dort drinnen meine Kollegen,

die auch gar mächtig ins Zeug sich legen,

ebenfalls Robert? Was hat´s zu bedeuten?

Warum nennst du uns Robert vor allen Leuten?“

„Du weißt es, mein Freund!“ Der Engel lacht.

„Ihr Pfarrer habt euch doch zum Robert gemacht!

 

Stets wollt ihr nur euer Altes bewahren,

doch irgendwann ist der Zug abgefahren.

 

Bedenke, du hattest dich Gott versprochen!

Ihr gehorcht ihm nicht. Der Eid ist gebrochen.

Du zeigtest noch Mut, mir die Stirn zu zeigen,

bist gesegnet, durch´s Nadelöhr bald zu steigen.

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Doch die Dunklen da drinnen? Diener des Affen?

Fraglich, ob die es irgendwann schaffen.

Ich sag dir, ein Gänseblümchen am Weg,

das sich schmutzig und dumm auf die Erde legt,

das sieht mein hoher Herr gnädiger an,

als den klügsten und mächtigsten Kirchenmann.“

Dann drehte der Engel allen den Rücken

und die meisten Leute von Niederhain,

wollten dann doch nicht die Letzten sein.

Allmählich begann sich ein jeder zu bücken,

um ein Blümchen sich für den Mund zu pflücken.

Selbst die Zeugen Jehovas, kaum zu verstehen,

waren neuerdings mit Blümlein zu sehen.

***

Ruft mich doch heut eine Freundin an:

„Hast du gesehen? Der Ackermann!

Der Siemensvorstand! Die deutsche Bank!

Der Bundestag! Mich haute es lang!

Ich habe im Fernsehen nur Blümchen gesehen!

Man trägt jetzt Blümchen. Kannst du´s verstehen?

Alle tragen jetzt winzige Blümchen im Mund.

Und wie alle strahlen! Froh und gesund!“

„Ja, das habe ich auch gesehen!

Wie die Lehrer beblümt vor der Klasse stehen!

Die Polizisten mit Blümchen im Mund.

Der Chirurg unterm Mundschutz:

Ich lache mich rund!“

„Gestern abend der Boxkampf – abgeblasen!

Die Boxer hauen sich nicht mehr auf die Nasen.

Du kannst keinen in den Ring mehr schicken.

Man könnt´ aus Versehen das Blümchen zerdrücken.“

„Ja, und die Kirchen sind wieder voll!

Man bekennt sich zu Gott! Was das heißen soll?“

Und konntest du heute Rundschau schauen?

Die Moderatoren haben alles verhauen!

Jetzt kann man sich freuen, endlich geht´s rund.

Keiner kann lügen mit Blümchen im Mund.“

„Eins aber sehe ich gewiss nicht ein:

Soll jetzt auch jeder Große begnadigt sein?“

„Glaub mir, kein Großer macht gerne sich klein.

Aber – wenn sie von Macht und Reichtum sich trennen,

das muss man wirklich hoch anerkennen.

Ist nun dein Erdenschatz klein oder groß,

ist doch egal. Man lässt einfach los.

Man läuft einfach los, frisch und beherzt.

Wer durch will, kommt durch,

selbst, wenn´s erst mal schmerzt.

Immer noch besser, selbst loszulegen,

als demnächst wirklich und unausweichlich,

dem echten, dem alten Tod zu begegnen.“

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Das Blümchen im Mund, das kleine Ventil.

Das Zeichen, dass man sich bekennen will.

Der kleine Stern zieht mit großer Macht

das Dunkle aus jedem Menschen ganz sacht.

So wird sein Inneres lichter und reiner,

die Sehnsucht wird größer, die Furcht immer kleiner.

Dann fehlt noch das letzte entscheidende JA.

Noch ein bisschen Gewitter – und Mensch ist da!

***

2007

Ahnenfreundin

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